CH Studio is a content-driven design practice that was founded by Christian Hoffelner * in 2009, which is based in Vienna, Austria and Dolnji Slaveči, Slovenia. The studio works with private and institutional clients, collabor­­atively and academically as well as a project self-initiator – all the while focusing on books, pots and food.

141 100 Beste Plakate Jury, Jurystatement, in: 100 Beste Plakate 21 – Deutschland, Österreich, Schweiz, Kettler, Dortmund 2022 100 Beste Plakate

Katalogtext

Tatsächlich frage ich mich nach unserem virtuellen Zusammentreffen und den von einer pandemischen Welle verschlungenen Jurytagen, in welchen Formen und Formaten sich das Plakat entwickeln und gesellschaftlich erscheinen kann. Es ließe sich eine Vielzahl möglicher Anwendungen oder Derivate erdenken: Kommunikation auf kurzem Weg, kondensierter Ausdruck, für den Moment, zum Staunen oder für längeres Betrachten.

In meinem Notizheft finde ich am Abend nach der Jurysitzung dazu Folgendes: Was „darf“ ein Poster? Was führt zum Plakat? Was ist Format? Was ist Inhalt, was Haltung? Was ist eine Grenze? Was verschwimmt? Was ist laut, was leise? Sichtbarkeit? Was ist widerständig? Kriterium? Was führt über eine „Position“ hinaus?

Es mag den Anschein erwecken, als sei der Juryteilnehmer sich seiner Sache unsicher – vermutlich. Ich lese die Notiz als ein Unruhe stiftendes Moment. Als eine banale, vielleicht sogar naive Suche nach Beteiligung an gesellschaftlichen und somit kulturellen Verhandlungen. Eine Fortschreibung von Inhalten und deren visuellen Erscheinungen. In den meisten Fällen sind diese aus gemeinschaftlicher Übereinkunft entstanden – gestalterische Arbeit erzeugt Vielheiten. Viele in Gestaltungsprozessen, ebenso viele als Betrachtende auf perzeptiven Ebenen – vorerst zumindest.

Die Beurteilung ist also generell eine diffizile Angelegenheit. Was hier als Gestaltung bezeichnet wird, macht ein Projekt zu einem der in diesem Buch dokumentierten „besten“ Plakate. Was genau das Beste ist, sei dahingestellt, denn vielleicht haben aufgrund der Tücken des Formats auch viele Augen Geniales übersehen. In unserem Fall folgt die Auswahl jener angesprochenen Vielheit, die sich aus einer Diskussion über erweiterte Begriffe grafischer Gestaltung bis hin zum subjektiven künstlerischen Ausdruck herausgelöst hat. Somit erfolgt eine Analyse der Arbeiten von Kolleg*innen immer im Moment und erzeugt auch in der Diskussion ein Stimmungsbild.

Die Journalistin Marina Owsjannikowa zeigt während einer Live-Sendung des russischen Staatsfernsehens ein Protestplakat gegen den Krieg in der Ukraine.

Meine Conclusio: Vermutlich bin ich auf der Suche nach freien, verklärt positiven Projekten und trete damit vermeintlich für den Möglichkeitssinn ein! In Tagen wie diesen wiegt dieser Möglichkeitssinn jedoch schwerer als sonst in meinen Gedanken: Russland zensiert Kommunikationskanäle, die Kontrolle über Medien spielt plötzlich eine so gewichtige Rolle und diese Macht hat eine gänzlich falsche Richtung eingeschlagen. Eines meiner persönlich „besten“ Poster ist demnach nicht im Wettbewerb. Es lebt nicht von den mir aus meinen eigenen Arbeiten bekannten Abläufen. Ich würde es gerne nominieren oder mit einem Sonderpreis würdigen – nächstes Jahr oder als Vorausgriff hier im Textgedächtnis. Danke, Marina Owsjannikowa.

Das Erscheinungsbild zum Wettbewerbsjahrgang einschließlich Jahrbuch gestalteten Nevin Goetschmann und Jiri Oplatek, Claudiabasel, Basel.

c. h.

Wien, 2022