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Vogel V (Fünf Bilder zu Vögeln)
Christian Hoffelner
Mole #11 – Zeitschrift für kulturelle Nahversorgung, Innsbruck, 2012

Walfische können nicht fliegen, aber singen

 

Im Museum für Naturkunde in Berlin werden Tierstimmen konserviert. An die 1.800 Vogelstimmen, Stimmen von 580 Säugetier- und von mehreren Fisch-, Amphibien-, Reptilien- und Insektenarten, finden sich im digitalen und öffentlich zugänglichen Archiv. Kaum eine andere Tierart ist so gut doku­mentiert, wie die Gattung der Vögel. Sie gelten als eine der artenreichsten Klassen unter den Wirbeltieren. Abseits ornithologischer Zuwendungen ließe sich allgemeines Interesse an ihnen über diverse Aspekte konstruieren, so zum Beispiel, dass sie uns als Nachfahren einiger Dinosaurierarten bekannt sind. Vielleicht ist es aber auch bloss die Faszination am Flugverhalten oder dem Fliegen selbst, am Eierlegen oder am bunten Gefieder, was uns zu ihren eifrigen Bewunderern werden lässt. Oder eben: alles zusammen. Als eher junger Zweig der Zoologie ist die Vogelkunde diskursiv (was interdisziplinäre Versuchsanordnungen betrifft) noch einigermaßen beweglich und anwendungsoffen.

Ich muss stets an die Geschichte von Kurt Schwitters Ursonate – ›Sonate in Urlauten‹ – denken, wenn es um das Thema der Vögel in der Kunst geht. Eine mir bekannte Gestalterin, Astrid Seme, schenkte mir 2010 ein Poster, weil sie sich intensiv mit der Sonate auseinandergesetzt hatte. Begeistert ließ ich mich auf eine kleine Recherche zum Thema ein und stieß auf folgende Geschichte: Der Berliner Künstler Wolfgang Müller hatte sich einen Urheberrechts­streit mit einem Verlag eingehandelt, der – über Umwege – den Nachlass von Kurt Schwitters Werk verwaltet. Müller war zur ehemaligen Sommerdestination von Schwitters nach Norwegen aufgebrochen, um nach Überresten seiner Hütte auf der Insel Hjertøya am Molde-Fjord zu suchen. Dort hatte der Künstler Laute von Staren aufgenommen, die er assoziativ mit der Ursonate in Verbindung brachte. Höchstwahrscheinlich sehr erstaunt, verarbeitete er diese Entdeckung später in einer Ausstellung, er bannte den Gesang der Vögel auf einen Tonträger:

»Fümms bö wö tää zää Uu,
pögiff,
Kwii Ee.«

In aller Klarheit gingen die rechtlichen Besitzer des Œuvres von Schwitters ihrer Pflicht nach, den Missbrauch des Werkes jedenfalls nicht unbeachtet zu lassen.

Der juristische Schachzug der Nachlassverwalter war ebenso bizarr, wie die Tatsache, dass rund 40 Jahre später, eine Generation Singvögel sich Schwitters Werk habhaft gemacht hatte. Es waren Stare, die in der Lage waren Laute der Sonate zu imitieren und über Generationen hinweg zu erlernen. So kenne ich die Geschichte.

Bis heute ist nicht vollständig enträtselt, wie Vögel zu singen beginnen. Nachahmung und beständiges Üben spielen dabei eine wichtige Rolle. Wissenschaftler konnten bereits nachweisen, dass Singvögel ihr Repertoire auch im Schlaf erlernen, indem sie in ihren Träumen immer und immer wieder das üben, was sie tagsüber von sich gegeben und erfahren haben. In nachahmungsanfälligen Vögeln stecken daher, wie es scheint, ungeahnte Möglichkeiten, vor allem, was die Datenspeicherung und ihre Vermittlung betrifft.

 

Die Vögel

 

»Krähen sind auch sehr schlaue Vögel.« Das hatte eine andere Person behauptet, der ich die Geschichte erzählte. In einem einschlägigen Gespräch, das auf meine Ausführungen hin folgte, hatte sie mir ein Video von einer Katze und einer Krähe gezeigt. Die Katze hatte sich mit dem Vogel angefreundet: Gemeinsames Essen, zusammen durch die Straßen ziehen, draussen rumtollen – echte Freunde eben. Die Krähe fütterte die Katze, zeigte ihr Dinge im Garten. Ein älteres Ehepaar aus den Vereinigten Staaten hatte diese Episoden von ihrer Terrasse aus mit einer Videokamera dokumentiert. Meine Erkenntnis: Krähen sind in ihrem sozialen Verhalten überdurch­schnittlich anpassungsfähig, sie benutzen Hilfsmittel, um an Nahrung zu kommen, sie können Werkzeuge herstellen und sich Gesichter und die Gestalt anderer Lebewesen merken. Ich bin natürlich kein Experte, weder Liebhaber noch Wissenschaftler und auch sonst keineswegs speziell interessiert, was Tiere oder insbesondere Vögel betrifft, um weitere Vergleiche zu ziehen, die zu irgendwelchen fundierten Ergebnissen führen würden, geschweige denn, in der Lage Ähnlichkeiten zu wissenschaftlichen Diskursen aufzuzeigen. Am Ende musste ich nun wieder an das Ehepaar denken, das mir als Sympathieträger, mit deren Videokamera und dem improvisierten Tierobservatorium auf ihrer Terrasse, stark in Erinnerung geblieben war. Und, wie bei vielen Produktionen aus dem weit gefassten und nun im besten Sinn verstandenen Bereich der Kunst, lassen sich auch hier interessante Deutungszusammenhänge herstellen.

 

Lieber den Spatz in der Hand,
als die Taube auf dem Dach

 

(Esoterik) In der Traumdeutung oder in esoterischen Praktiken sind Vögel ein Sinnbild für Phantasie, Gedanken und Ideen. Der Vogel gilt als Luftwesen seit jeher aufgrund seiner Flugfähigkeiten als mysteriös. Er wird den Gedanken zugeordnet, die unseren Alltag bewegen. Vögel stehen für die Seele des Menschen. Weise Eulen. Oder okkulte Raben – die beispielsweise das Dunkle und Unglückliche verkörpern. In verschiedenen Traumdeuter-Foren im Netz ist weiters von ziemlich platten assoziativen Bezügen, wie der Eitelkeit in Zusammenhang mit einem opulenten Federkleid die Rede, oder von Zug­vögeln, deren Erscheinen im Traum, auf ein unzufriedenes Dasein rück­schließen lassen. Für eine solche Argumentation schlagend sind einfache Gesten, ihre simple Symbolkraft, fabelhafte Metaphern.

Betrachtungen wie diese werden in der zu Anfangs erwähnten Vogelkunde wenig beachtet – natürlich. Doch wohin könnten uns Vögel mit ihrer Symbolik, den Sinnbildern, Flugrouten, dem Gezwitscher, Gegacker und Geschrei wohl führen? Was könnten wir in künstlerischen Belangen von ihrer Form, dem Federkleid oder ihrem Orientierungssinn lernen? Was würde geschehen, wenn wir natur- und geisteswissenschaftliche Zugänge vermengten, diese mit Mysteriösem anreicherten und durch okkulte Methoden verbänden? Es würde vermutlich bunter Rauch aufsteigen; oder aber, eine Kulturtechnik zur Anwendung kommen, deren Verfahren sich weder auf Forschungsobjekte, noch auf die Wirkung auf den Menschen reduzieren ließen.

In einem Text von Graham Harman, ›Der dritte Tisch‹, sind es nicht die Vögel, die einen anderen Zugang eröffnen: es sind Tische. Es wird die These aufgestellt, dass ein Loslösen eines inner-disziplinären Diskurses andersartige Denkweisen hervorbringt. Verfahren, die Phänomene weder auf Quarks und Elektronen, noch auf Wirkungen von Tischen auf Menschen reduzieren (Tische sind im zitierten Text ein Beispiel für ein Forschungsobjekt, es könnten auch Vögel sein, wenn man sie als Objekte betrachtet). Harman beschreibt, dass geistes- bzw. naturwissen­schaftliche Phänomene im allgemeinen freigelegt, isoliert und dermaßen reduziert betrachtet werden, dass es nur eine sehr geringe produktive Schnittmenge an Kooperationen und andersartigen Resultaten gibt. Und womöglich liegt das am Isolationsversuch einer Problemstellung, einer zu eindeutig gewichteten, bipolaren Annäherung: »Der Wissenschaftler reduziert den Tisch hinunter zu winzigen Partikeln, die für das Auge unsichtbar sind; der Humanist reduziert ihn hinauf zu einer Reihe von Wirkungen auf Menschen und andere Dinge. […] Der reale Tisch ist in Wirklichkeit ein dritter Tisch, der zwischen diesen beiden liegt.«*

Es werden nicht zwingend Tische oder Vögel sein, mithilfe derer sich die angewandte Kunst in das Korsett wissenschaftlicher Forschung stecken lassen wird, dennoch deuten Philosophen wie Graham Harman auf die Potentiale einer Kultur hin, die es vermag eine dritte Betrachtungsebene zwischen natur- und geisteswissenschaftliche Phänomene und Vorgehensweisen zu legen, oder gar eine autonome Plattform dafür zur Verfügung zu stellen. Und es könnte die Kultur der Kunst sein, die diese Leerstelle zu besetzen weiß.

Drum singet ihr Vögel: ›Tschiep, tschiep, tscharip.‹
Drum singet ihr Vögel, denn ich sing jetzt mit.**

 

CH, Wien, 2012

 

* Graham Harman: Der dritte Tisch, dOCUMENTA (13): 100 Notes – 100 Thoughts, 100 Notizen – 100 Gedanken. # 085, Hatje Cantz, 2012
** Gustav: Abgesang. Vom Album: Verlass die Stadt, Chicks on Speed Records, 2008

Der Textbeitrag wurde im Rahmen des Projekts Managing Structural Bird Problems – Die Philosophischen Bauern für die gleichnamige Ausstellung an der Akademie Schloß Solitude in Stuttgart erstellt. Ein Projekt von: Helmut Kraus, Nina Reisinger, Holger Heubner, Ursula Achternkamp, Jürgen Willinghöfer.

Ausgangspunkt der von den Initiator/innen kuratierten Beitragssammlung waren Replikat-Bucheinbände des Künstlers Julian Montague – allesamt phantastische Blindbände. Die Herausgeber R.A. Adelstein & Victor Wechsler sind ebenso Teil der Fiktion, wie der Verlag Facinelli Muller Editions.

Eröffnung 24. Januar 2013, 20:00 Uhr

*** beteiligte Künstler und Künstlerinnen, Autoren und Autorinnen:

Agnes Meyer-Brandis, Alan Worn, Alexander Christie-Miller, Alexander Kluge, Alexander Kühnen & Corinna Bonati & Kerstin Lienemann & Olaf Abbé, Amt für Apokalyptische Aufklärung, Apparatus 22, Arnold-Glas, Asmus Trautsch & Bettina Lehmann, Bart Kempenaers, Bernadette La Hengst & Ton Matton, Bernhard Just & Iris Heynen, Christian Hoffelner, Christian Naumann, Diemut Klärner, Erduan Maliqi, Ergo Phizmiz, Fabienne Radi & das akzént-Dolmetscherteam, Frank Bölter, Franziska Gerstenberg, Frederik Foert, guzo – Roman Tschäppeler, Gabriele Sturm, Hajo Kobialka, Helwig Brunner, Holger Heubner, Iris Dressler, Joachim Krausse, Jürgen Willinghöfer, Klaus Ruge, Konrad Kirsch, Lisa Vera Schwabe, Lothar Spath, Mareike Maage, Olaf Bach, Olaf Miosga, Oscar Prinsen, Reinhard Klenke, Reinhold Necker, Roberto Yanguas, Rosa Volkmann, Rudi Suchant, Stählemühle – Christoph Keller, Silke Pflüger, Sonja Beeck, Sonja Kübler, Stephan Kammer, Susan Elbin, Thomas Schönlebe, Torsten Blume, UDGB, Ursula Achternkamp, Ursula Armstrong, Ursula Schulze-Dornburg, Verena Hahn, Walter Scheiffele, Werner Nachtigall, Yossi Leshem, Yvonne Roeb

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