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Ein Fünfer, ein Zehner
Christian Hoffelner
Mole #13 – Zeitschrift für kulturelle Nahversorgung, Innsbruck, 2014

Fiktionen um den Euroschein, Identität und Archipele – Gespinste während einer Zugfahrt von Wien nach Leipzig

Gemeint ist das Radio, und jetzt nicht das technische Gerät: das Produzieren von Sendungen, bzw. die Publikationsform an und für sich ist es, die mich ins Schwärmen bringt; und Oe1, der Sender, von dem ich erzählen muss, weil dieser mich oft erinnert, dass ich aus Österreich stamme, und das, im besten neutral-nationalistischen Sinn überhaupt. Neutralität. Österreich Eins – erkläre ich oft Bekannten – ist nicht nur mit seinem territorialen Namen identitäts­stiftend, sondern mir auch aufgrund der nachvoll­ziehbaren Recherchen, Themen, Berichterstattung und im Hinblick auf aktuelle Geschehnisse nahe.

 

Gefrorene Luft

 

Ich fahre meist mit dem Zug von Wien nach Leipzig, lausche nicht minder nachdenklich, zumal unbeschwert in den Klang meines Landes. Nur: ist es das wirklich, mein Land? Was höre ich tatsächlich? Mein Leben? Was ist verantwortlich für den Zustand dieses Glaubens an Identität? Routine? Vielleicht unter Gleichgesinnten zu sein, zu einer Zielgruppe zu gehören? Welcher Reiz ausschlaggebend, welcher hormonelle Vorgang dafür verantwortlich, welche Auswirkung spürbar? Sprache? Akzent? Vertrautheit, gar Heimat?

Fragen meine Identität und Herkunft betreffend zermürben mich bis Nürnberg – aufgrund des Radios im Ohr. Nun endlich: Pause, zur Halbzeit der Reise. Nach ein paar tiefen Atemzügen der gefrorenen Luft am Bahnsteig geht es mir besser. In der Trafik kaufe ich eine Ausgabe der Schweizer Kultur­­zeitschrift Du, im Lagerabverkauf, eine bereits ältere Nummer, vom Regal mit den übriggebliebenen Ausgaben. Die Zehn Thesen vom roten Cover dringen zielsicher in mein, von den letzten vier Stunden perforiertes Gehirn: »1. Jeder Ort kann Zentrum sein. 2. Wir brauchen neue Karten. 3. Wir leben auf einem Archipel. 4. Stadt und Dorf sind glokal. 5. Die Realitäten sind parallel. 6. Es gibt kein Leitmedium mehr. 7. Identität ist eine Wahl. 8. Die Kunst ist dazwischen. 9. Das 21. Jahrhundert ist ein Gespräch. 10. Dies ist kein Manifest.« (α)

Hans Ulrich Obrist editierte anlässlich der Art Basel 2010 eine Ausgabe der Zeitschrift. Statt die Kunstindustrie in den Fokus seiner Analyse zu ziehen, stellte seine Auswahl Werke, Zugänge, Themen und Dialoge vor. Im Hinblick darauf, Tendenzen sichtbar zu machen, wählte HUO Künstler und Künstlerinnen mit der Absicht, Akteure, die erst nach der Jahrtausendwende in Erscheinung getreten sind zu zeigen, da diese ihre Position parallel zur Kunstmarktblase gefunden hatten. Ich schiebe also einen Fünf-Euro-Schein über den Ladentresen und das Heft wechselt seinen Besitzer. Wieder im Zug, lege ich meine Sachen ab und beschließe die persönliche Heimatfrage vorerst zu vertagen, jedoch nicht schlechten Gewissens: ich sitze ja bei Hans Ulrich, und der hilft mir bestimmt, auch bei späteren Entwicklungen. Ich schlage also das Magazin auf, wende die Seiten und beginne zu lesen.

 

Insel

 

»Der Poet und Schriftsteller aus Martinique [Edouard Glissant] arbeitet seit den 1960er-Jahren auf visionäre Art über Hybridität und Créolisation. Eine seiner Metaphern ist der «Archipel» […]. [Es geht um] den kulturellen Austausch zwischen vielen Zentren. Es kommt zu einem Begriff der mondialité als eine Form des globalen Dialogs, der Differenz nicht in der Homogenität vernichtet, sondern Differenz produziert.« (β) Oh ja, fantastisch, denke ich, und lege das Heft beiseite. Diversität, Reflexion, Diskurs und Austausch: einer solchen Wortkette folgend hantle ich mich vorwärts zum Land und wieder zurück zum Sender, zum Radio mit seiner Vielheit am einen und meiner Eigentümlichkeit am anderen Ende. In diesem Moment fällt mir ein, dass ich das Kleingeld im Laden liegen gelassen habe.

Ich denke an den Fünf-Euroschein, meine verspielten drei Euro Wechselgeld. Ich ziehe meine Brieftasche aus meinem Rucksack, lege den Inhalt auf den Plastik­klapptisch vor mir – Economy Class, Licht an. Ein Fünfer und ein Zehner, zwei Zehn-Cent-Stücke und Sieben-Cent in Zwei- und Ein-Centstücken, dutzende Plastik­karten.

»Okay, die Neutralität …«, sage ich leise, ich halte die Noten zwischen meinen Daumen und Zeigefingern gespannt gegen das Licht, prüfe die mir bekannten Sicherheitsmerkmale. Ich betrachte die fiktiven Bauwerke des Fünf- und Zehn-Euroscheins, die Stilzitate, die Zeitalter europäischer Baukultur.

Der österreichische Grafiker Robert Kalina hatte die Banknotenserie 1996 gezeichnet. Er war aus dem Wettbewerb dafür als Sieger hervorgegangen; mitunter deswegen, weil seine Entwürfe als die neutralsten, im Sinne eines ›europäischen Aussehens‹ angesehen wurden und seine Fiktion den europäischen Gedanken vereinen bzw. materialisieren konnte – die Vision: jetzt extrahiert auf einem Stück Papier vor mir, gepresst als Währung, mehr noch: die nationale ›Visitenkarte‹ der Union und ihrer Bewohner, zumindest (bereits) einem großen Teil davon.

Den Wettbewerbsunterlagen entnehme ich parallel aus dem Netz, dass der zukünftige Euro eindeutig und erkennbar europäisch sein musste, um eine kulturelle wie politische Botschaft zu verkörpern, die von den Menschen ohne Weiteres angenommen werden konnte. (γ) Aus der engeren Auswahl der Jury wurde im Abgleich mit der Studie eines Markt­forschungs­unternehmens schließlich ein fiktiver Entwurf für die Ausarbeitung zu den uns heute bekannten Geldscheinen ausgewählt.

(15 Jahre später) Gleichermaßen unaufhaltsam wie der rasche Zusammenbruch des Finanzmarkts, ist die überbordende, mediatisierte Erfahrung, die zu einer gewissen kulturellen und informationstechnologischen Deflation verleitet. Das Nachdenken über die eigene Position bzw. eine ›objektive‹ politische Haltung im europäischen Sinn, wurde spätestens 2011 mitten in der Wirtschaftskrise zum Thema – angetrieben von bipolaren Überlegungen zur Währungsunion und zu politisch, wirtschaftlichen Dislokationen der europäischen Ge­mein­schaft. Und nun wird ein Nachdenken über die europäische Identität durch kulturtechnische Analysen der Gestaltung der Euroscheine abermals eine neue Dimension eröffnen, eine, wie sie womöglich im fiktiven, visuellen Konstrukt des Euroscheins vor Jahren noch gar nicht wissentlich erdacht gewesen sein konnte, höchstens wünschend konzipiert: nämlich die Verwirklichung einer vormals fiktiven Erscheinung zu einer immanenten Sichtweise. Ich kann sie förmlich noch hören, die jetzt leise verstummenden Stimmen der europäischen Gemeinschaft, den Klang der Fragen im Ohr, wo denn diese Brücken allesamt tatsächlich stünden? Oder wie lernen das nun unsere Kinder in der Schule?

 

Ausweiskontrolle

 

Eine Maschine einheitlicher Codes erzeugt Verlangen, eine Rückbesinnung auf Unmittelbares und eine Sehnsucht nach authentischer Erfahrung. Ich blättere nochmals auf die Seite: » … kultureller Austausch, viele Zentren, Dialog und Differenz …«, wiederhole ich, nachdem ich die Stelle über Glissant erneut gelesen habe. Es ist mir klar, dass auch ich auf die Frage meiner Herkunft nicht einfach sagen kann, ich käme aus Europa, vielleicht in Australien, aber jetzt, hier im Zug? Die Aussage wäre zu politisch ambitioniert, zu wage, obwohl ich mich ohne Weiteres so hätte fühlen können, im Zug, arbeitend, zwischen Österreich und Deutschland. Eine Grenzkontrolle überstünde ich so jedenfalls nicht; nicht, ohne unnötigen Verdacht auf mich zu ziehen. Ob der tatsächlich banale Reflex der zur Antwort über die Staatenzugehörigkeit führt, also gewissermaßen Heimat bestimmt, von einer immersiven Konfrontation mit dem kollektiven Bewusstsein einer europäischen visuellen Identität – also über das Aussehen eines Geldscheins – herzustellen ist, bleibt unbeantwortet. Fest steht aber, dass die Gestaltung unseres Geldes subtile Fragen nach visueller Identität und europäischem Bewusstsein stellt.

Überlegungen zu zeitgenössischen Branding-Prozessen und Corporate Design definieren ihren Standpunkt in Herangehensweisen, wie sie im visuellen Geschäft üblich sind, meist wenig innovativ, auf eine breite Empfängerschaft maximiert, ihre Gestaltungsparameter im Entwurf sind markttechnisch und vorwiegend kommerziell ausgerichtet. Das garantieren Statistiken, Verkaufs­zahlen, reglementiert der Tourismus oder beschränkt das Hyper-Territorium. Sie evozieren ein engmaschiges System innerhalb von ›PR-driven network-power‹ ökonomischer Verfahren (δ). Doch haben diese kurzsichtigen Manöver auch zur Ausschreibung des Wettbewerbs zur Gestaltung der Euronoten bzw. zur Auswahl der trügerischen Abbilder beigetragen? Haben Markt­forschungs­unternehmen auf europäischem Niveau bereits ihre Werkzeuge verändert? Wie kann also über Nation Branding oder Regionalmarketing, eine inter­kulturelle Einarbeitung diskursiver Potenziale fortgesetzt werden?

© OMA-EU-barcode-2006-irma-boom

EU Barcode von AMO/OMA:
Aktuelle West-Ost Reihung, 2006
(Re-Design mit Irma Boom,
anlässlich der österreichischen
EU Präsidentschaft 2006), © OMA

Ich habe das Bild des bunt gestreiften Banners im Kopf, den Entwurf eines Symbols von AMO dem ›guten‹ Zwilling des Office for Metropolitan Architecture – OMA, das Projekt: EU Barcode aus dem Jahr 2001. AMO hatte die physische Präsenz der EU in Brüssel in Frage gestellt und war dabei noch einen Schritt weiter gegangen. Das Architekturbüro kritisierte Europas Repräsentation im Allgemeinen: die Symbole, die visuelle Sprache amtlicher Verlautbarungen, ihre Präsenz in den Medien. AMO stellte während des Projekts einen direkten Zusammenhang zwischen der nicht-vorhandenen visuellen Sprache mit der weitläufigen Ignoranz der Bevölkerung gegenüber diversen Aktivitäten, so wie der Entstehungsgeschichte der Europäischen Union fest. (ε) Oftmals miss­ver­ständlich oder fälschlicherweise medial wiedergegeben, sollte der Barcode keinesfalls die blaue europäische Fahne mit ihren zwölf goldenen Sternen ersetzen. Er sollte als parallel eingesetztes Symbol die bereits existenten Embleme ergänzen, um andersartige Kommunkationsprozesse als Initialzünder überhaupt erst zu provozieren. Der Barcode artikulierte Kritik an einer Institution, stellte Fragen, und er verdichtete eine Auseinandersetzungen visueller Dechiffrierung. Mithilfe unserer Augen, unseres Verständnisses und unserer Erfahrung, sollten wir diesen Code in seiner formalen Präsenz inhaltlich lesen! Was der Barcode mit seiner paradoxen Wirkung – der visuellen sowie inhaltlichen Zugänglichkeit – nicht zuletzt implementierte, war Veränderbarkeit und Entwicklung. Aspekte vom Herabsenken einer Einstiegsschwelle, die ich nun auch bei der höchst konzeptionellen Gestaltung der Euroscheine ausmachen kann.

Ich hebe meinen Geldbeutel hoch, als sich ein Ein-Eurostück aus Lettland [sic!] aus einer Falte löst und vor mir auf den Kunststoffklapptisch fällt. Wachstum (ja hoffentlich, ich sehe ein zweites Mal hin!); ein integrativer Ansatz wie ihn auch die Banknoten verfolgen, war nur der Beginn einer Einladung. Man kann sie bereits sehen, oder eben (noch) nicht.

 

CH, Wien, 2014

 

(α)   Hans Ulrich Obrist: 1.–10. Du #807, Das Kulturmagazin – Kunst im 21. Jahrhundert, Du Kulturmedien AG, Rapperswil, 2010, Titelseite (U1)

(β)   Ebenda, S. 24 f.

(γ)   vgl.: http://www.ecb.europa.eu/pub/pdf/other/euro_became_our_moneyde.pdf, S. 32/33, 20.12.2013, 11:18:23 Uhr

(δ)   vgl.: Oliver Klimpel: With Ever Changing Contours: Graphic Scenarios and Design for a Project on Europe. In: Barbara Steiner: The Scenario Book – Thinking Europe. jovis Verlag GmbH, Berlin, 2012, S. 156 ff.

(ε)   vgl.: http://www.oma.eu/projects/2001/eu-barcode, 28.12.2013, 22:02:05 Uhr

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